Textprobe 1, 'Suchen Im Park': J├Ąger

Jäger, die kucken

 

"Hier rein!!"

 

Eine Faust schießt hervor aus finsterm Nichts, packt den Maler, reißt ihn herum und zerrt den Taumelnden ins Gebüsch. Atem stockt. Der Mund klappt auf, will schreien. Aber er bleibt stumm. Der Maler erstarrt. Erst als die Faust ihn wieder freigibt, zuckt sein Holzschnittgesicht in hochschnellende Schultern. Ein Arm hebt sich in Abwehr.

 

"Steh still, Mann!" Wieder diese zischende Flüsterstimme, die aus dem Finstern kommt.

 

Der kleine bucklige Maler umklammert das kostbare Instrument. 'Jetzt!', schießt es durch seine stürmenden Sinne, 'jetzt passiert es! ... gleich ist mein Leben zuende!' Ergeben erwartet er Entsetzliches.

 

Aber es passiert nichts ... Noch nicht ...

 

Wie angeschweißt, verharrt der Zwerg vornübergebeugt auf der Stelle, gefangen im Schreckreflex. Die leeren Augen sind auf seine weißen Schuhe gerichtet, die in der Finsternis matt schimmern, und auf den nachtschwarzen Erdboden, der mit Blättern des letzten Herbstes bedeckt ist.

 

Als noch immer nichts geschieht, hebt der Maler den Kopf und wendet ihn zur Seite, nach dorthin, wo die Stimme herkam. Seine wulstigen Lippen beben unter steifspitziger Nase. Lange schwarze Haare hängen wie Vorhänge vom Mittelscheitel und umrahmen pendelnd ein eindrucksvolles und zugleich abstoßendes Gesicht.

 

Schwankend richtet der Zwerg sich etwas auf. In seinen vor Angst zuckenden, suchenden Augen rollt rundes Schwarz in ovalem Weiß. Er gewahrt eine dunkle Gestalt. Die Gestalt bewegt sich nicht. So tastet das Schwarz aufwärts. Immer weiter aufwärts. Die Gestalt neben ihm ist riesig. Im Widerschein des von der nahen Großstadt schwach erhellten Nachthimmels wird ein hohlwangiges Asketengesicht erkennbar. Darin dominiert eine große, weit vorspringende Nase. Dünne Lippen versiegeln einen herben, von scharfen Falten tangierten Mund. Und ganz oben, auf dem Kopf des Riesen, da thront eine schwarze Schiffermütze.

 

Der Riese sieht ihn nicht an. Seine engstehenden Eulenaugen durchbohren die Nacht in eine andere Richtung. Wieder zerreißt harsches Flüstern stille Finsternis: "Beinah hätts du alles kaputt gemacht, du Arsch!" Geschmeidig, geräuschlos, geduckt wiegt der große Mann sich in den Hüften, dreht und wendet sich, reckt den Hals. Lautos gleitet er umher, weich und sacht wie eine Boa. Plötzlich ist er verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

 

Zitternd steht der Maler da, zieht den Kopf zurück in Schultern und Buckel, wie eine Schildkröte bei Gefahr. Das runde Schwarz rollt nach links - keine Spur vom Riesen - nach rechts: nichts. Wo ist der Riese geblieben? Gänsehaut kriecht über den Buckel.

 

Es dauert eine Weile, bis der Zwerg begriffen hat: Der große Mann ist blitzschnell eingeknickt, hockt jetzt tief unten am Boden, verharrt dort regungslos in Kniebeuge.

 

Aber jetzt! Jetzt ist die Schiffermütze wieder neben, über dem Zwerg. Der Riese bückt sich. Mit unerwarteter Vertraulichkeit raunt der herbe Mund unter der großen Nase, die dünnen Lippen fast am Malerohr: "Noch nix gehabt heut." Der große Mann richtet sich auf, hebt die mächtige Faust, wippt mit abgespreiztem, richtungsweisendem Daumen zweimal nach halbrechts: "Das da, das kann was werdn!" Er fingert am Hosenschlitz. Spreizt die Beine und - pinkelt. Die freie Hand gebietet: mach Platz!

 

Schockiert wendet sich der Maler ab, reißt seinen Geigenkasten zur Seite und umschließt ihn mit den Armen. Blätter rascheln.

 

"Leise, du Arsch!", zischt der Riese über die Schulter. Schließlich konzentriert er sich auf eine Blähung. Gekonnt kontrolliert nimmt deren Tonfolge teil am Konzert nächtlicher Geräusche: dem leisen Knarren und Ächzen der von einer Brise bewegten Baumkronen, dem lockenden Rufen eines Nachtvogels und der vom nahen Restaurant, dem Waldschloß, herüberwehenden Tanzmusik. Der Oberkörper winkelt vor, eine angedeutete Kniebeuge, ein paar Schlenker - und nun ist die Schiffermütze wieder dicht bei, über dem Maler. Die Finger noch mit dem Hosenschlitz beschäftigt, durchbohren scharfe Augen erneut die Nacht.

 

Der Rand der dunklen Wolke, die eben noch dem Mondlicht direkten Zugang zum Park verwehrt hatte, segelt weiter. Nun verhüllt den Vollmond nur noch ein weißer Wolkenschleier. Es wird heller im Park. Ohne die Blickrichtung zu ändern, zieht der Riese ein kleines Fernglas aus der Jackentasche hervor. Rasch wandert es vor die Augen. Zeigefinger pressen gegen Brauen, verschweißen Glas und Stirn. Mittelfinger und Daumen entwinden der Nacht das Objekt: eine Frau und ein Mann. Sie sitzen auf einer Bank.

 

Hinter der Stirn empören sich Gedanken: 'Sitzt da nebn seiner Puppe und quatscht und quatscht und quatscht!' Der Riese läßt das Glas sinken. Unterdrückt Rülpsen. Spuckt. Verächtlich formt der fast lippenlose Mund ein O. Daumen und Zeigefinger wischen von oben nach unten über die Mundwinkel. Dann zerrt die mächtige Rechte die Schiffermütze in die Stirn.

 

Endlich verstummt das Gespräch. Wieder knickt der Riese in Kniebeuge. Rollt nach vorn ab, liegt jetzt auf dem Bauch. Robbt und schlängelt lautlos durch Büsche. Noch etwas weiter. So, nun ist die Sicht ganz frei. Jetzt kann er die Bank voll übersehen. Sie steht auf einem Hügel unter einer großen uralten Eiche.

 

Das Fernglas fokussiert die junge Frau. Halb sitzend, halb liegend, auf den linken Arm gestützt, hat sie die Beine angezogen. Der Wolkenschleier zerreißt. Mondlicht fließt unbehindert in den Park, tastet durch windbewegtes Laub. Wie eine Geisterlaterne, wankend getragen von unsichtbarer Gestalt, beleuchtet es die Szene auf der Bank, entwindet dem Dunkel Einzelheiten: ein feingeschnittenes, schönes Gesicht; lange, zum Zopf gebündelte, blonde Haare; einen hellen Pullover, der eine aufreizend eng taillierte Figur umspannt; Brüste, die den Leib des Riesen zusammenfahren lassen; schneeweiße nackte Schenkel, entblößt von hochgerutschtem Rock; und lange, endlos lange, wohlgeformte Beine. Die Augen hinter dem Glas saugen sich fest an diesem erotischen Bild.

 

Erneut redet der Mann auf der Bank auf die junge Frau ein. Das Fernglas schwenkt zu ihm hinüber. Feuerschein flackert. Der Mann pafft den Tabak in seiner Pfeife in Glut. Für kurze Augenblicke erhellt das Auf und Ab der Feuerzeugflamme ernste, von der Klarheit ebenmäßiger Harmonie geprägte Züge, aufblitzende Brillengläser mit lebhaften Augen dahinter und einen kurz geschnittenen Backenbart.

 

Wieder wandern die Eulenaugen zu der jungen Frau ...

 

Der Maler schluckt. Seine Zungenspitze befeuchtet rötliche, weiche Wulstlippen, die so gar nicht in das harte Gesicht passen. Es ist ihm, als erwache er aus einem entsetzlichen Traum. Sein Atem weht unregelmäßig, erst sacht und flach, dann hüpfend und tief. Vorsichtig bewegt er die schreckerstarrten Glieder, neigt und dreht den Kopf. Nun klemmt er seinen Geigenkasten zwischen die Schenkel. Wie tot hängen die Arme von den immer noch gehobenen Schultern. Nur langsam löst sich die Verkrampfung. Jetzt umfängt er sein wertvolles Instrument mit beiden Armen wie ein Kind, das seines Schutzes bedarf. So verharrt er eine Weile. Dann stellt er die Beine bequemer. 'Was will der Riese von mir? Ich kenne ihn doch gar nicht, habe ihn noch nie gesehen!'

 

Inzwischen ist der Fremde noch weiter auf die Bank zugerobbt. Er hat sich ein gutes Stück entfernt. Der Maler könnte fliehen. Aber er bleibt stehen.

 

Der Riese richtet sich auf, sieht sich um und winkt. Ja, er winkt ihn zu sich heran! Angst bannt den Zwerg an seinen Platz. Aber dann, ganz plötzlich, sind da auch Neugier und Erlebnishunger. Tief im Leib zuckt es, zündelt empor. Sinnenlust flackert auf. Wie glühende Lava wälzt sich Triebhaftes durch den Körper. Zitternd umklammert der Maler den Geigenkasten, macht einen ersten Schritt. Rrrumms! Die schweißnasse Stirn rammt gegen einen Ast. Das schmerzt. Aber es bricht auch die innere Blockade. Ein Sinnessturm tobt los. Der Maler duckt sich. Er macht einen zweiten, einen dritten Schritt. Drängelt sich durch dicht stehende Büsche. Mit Schultern und Ellenbogen drückt er Zweige beiseite. Irgendetwas da vor ihm in der Dunkelheit zieht ihn mächtig an, greift nach ihm, zerrt ihn zu sich hin. Vorwärts!

 

Des Malers Verhalten hängt am Augenblick. Dem Verstand Fremdes bestimmt oft seine Reaktionen. Sinnenlust reitet ihn, Neugier gängelt ihn, Kreativität beflügelt ihn. Gnadenlos peitschen diese Kräfte auf ihn ein. Und jedesmal, wenn ihn die Peitsche trifft, surrt und dreht sich seine Seele wie ein Kreisel. Jeder Hieb zwingt ihn in eine andere Richtung. Wenn die Peitsche ruht, wenn der Drall versiegt, gerät er ins Taumeln. Dann regiert ihn die Angst. Noch weiß er es nicht: Angst, oftmals kostümierte, ist seine intimste und anhänglichste Weggefährtin.

 

Vorwärts!! Mit aufeinandergepreßten Wulstlippen, zusammengezerrten Brauen und geblähten Nüstern nähert sich der Zwerg dem Riesen. Jetzt ist er nur noch Auge, Ohr und Trieb, nur noch wildes, jagendes Tier. Das Herz hämmert gegen die Rippen. Vorwärts!! Neben dem Riesen angelangt, sieht nun auch er das Paar auf der Bank. Mondlicht entreißt dem Dunkel zwei sich umarmende Gestalten. Beide bewegen sich langsam. Wie von Sinnen starrt der Bucklige auf das blonde Mädchen. Und dann bersten in ihm die Schleusen. Gefühle stürzen ins Freie wie aufgestaute Wassermassen. 'Das ist mein Engel!', schreit es aus jeder Zelle seines Körpers. 'Mein Engel!!!' Der Maler verschlingt das Gesicht des Mädchens, ihren Körper, mit all seinen irrwitzig hüpfenden Sinnen. Mit Macht drängt es ihn hin zu der jungen Frau. Er tritt auf einen trockenen Zweig. Lautes Knacken!!

 

Der Riese rammt ihm den Ellenbogen gegen die Schulter, packt den Taumelnden, zerrt ihn blätterraschelnd zurück. Immer weiter zurück. Weg von der Bank. Gebietet ihm schließlich, neben einer großen Buche auf ihn zu warten. Dann geht der große Mann, sich drehend und windend, erneut auf die Pirsch. Schlängelt durch Büsche, nähert sich abermals der Bank auf dem Hügel.

 

Aber schon bald kommt er zurück. Noch immer mit dem Blick zur Bank, macht er seiner Enttäuschung Luft: "Jetz leck mich doch am Arsch, Mann. Die gehn weg! Gehn einfach weg!!"

 

Er rülpst und spuckt. Dann furzt er, diesmal energisch und weithin vernehmbar, voller Verachtung. Ein eindrucksvoller Protest. Seine Frau hat mal wieder zu viele Zwiebeln in die Suppe getan. Da macht der Magen nicht mit. Da will die Luft raus. Nach oben und nach unten. "Scheiße! Gestern nix gehabt. Heut nix gehabt. Gestern fünf Stundn auf Tour. Heut schon fast vier." Der Riese starrt dem in der Ferne entschwindenden Paar nach. "Ne Leistung, wenn man um sechs ausse Federn muß!" Zornig zerrt er die Mütze in die Stirn. "Wir habn 'n schweres Los, Fiedler! Ehrlich. Kein Wunder, daß man abnimmt. Meine Alte sagt: 'Du wirst immer weniger. Frißt wie'n Scheunendrescher. Aber wirst immer weniger. Wo läßt du das bloß?' Mann, die hat ja keine Ahnung, was hier los is. Wie schwer das alles is, bis man endlich mal wieder was gehabt hat und nach Hause kann!"

 

Im Maler wallen Abscheu auf und Verachtung. Soviel Rohheit widert ihn an. 'Was für ein Barbar! Ich muß hier weg!' Mit geducktem Kopf forscht er aus den Augenwinkeln nach einem Fluchtweg. Aber wie, in Gottes Namen, kann er diesem Riesen davonlaufen? Ein Fluchtversuch würde seine Lage nur verschlimmern. Er muß den Abscheu unterdrücken.

 

Und dann kriecht, wie eine böse Schlange, aus den Tiefen seines Leibes brennende Neugier hervor und wilde Erlebnissucht. Der Zufall hat ihn in eine fremde Welt geführt. Jetzt lockt es ihn, sich darin umzusehen. Diese Welt hat seine verdorrten Gefühle neu belebt. Und sie hat ihm den Engel gezeigt! Plötzlich flammt Hoffnung auf - Hoffnung, daß er hier den Schlüssel finden kann zur Wiedergewinnung seiner Kreativität.

 

Riese voran, tasten die beiden den schmalen, dunklen Pfad entlang, auf dem der Maler gekommen war. Dann gehen sie hügelabwärts. "Das Gelaber von der Altn! Das geht ein'm aufn Keks. Das ..." Der Riese verstummt, bleibt stehen. Über Büsche hinweg hat er etwas gesehen, das seine Aufmerksamkeit fesselt.

 

Ohne den Blick vom Gegenstand seines Interesses abzuwenden, nimmt er, leiser jetzt, das Gespräch wieder auf. Er ahmt eine hohe, schrille Frauenstimme nach: "Wo willst du schon wieder hin? Du warst doch gestern ers weg!" Die Augäpfel rollen nach oben rechts. Denn sag ich: "Heut kommt 'n dicker Pott. Beim dickn Pott, da muß ich hin!" In Richtung Fiedler fügt er hinzu: "Beim dickn Pott müssn immer zwei hin. Einer für Vorderleine und Vorspring und einer für Achterleine und Achterspring." Er rülpst. "Viele dicke Pötte machen fest im Hafn. Die komm'n aus Amerika, Rußland, Japan, China - von überall. Tag und Nacht." Er grinst. "'N Festmacher hat immer 'ne gute Ausrede."

 

Sie gehen wieder weiter. Nach einer Weile fragt der Festmacher: "Wie komms du mit deiner Altn klar?" Dem Maler ist nicht wohl in seiner Haut. Was, um Himmels willen, soll er sagen? Sie verlassen das dunkle Gebüsch. Stehen jetzt auf einem von schönen alten Laternen erleuchteten Kiesweg. Als der Maler nicht antwortet, wendet sich ihm der Festmacher zu. Sieht ihm ins Gesicht. Zum erstenmal an diesem Abend.

 

In den klaren harten Augen blitzt es, funkelt Wut: "Du bis das ja gar nich! Du bis ja gar nich der Fiedler aus'm Waldschloß!" Mächtige Fäuste schütteln den Zwerg, daß die langen Haare flattern, daß der Geigenkasten gegen die Rippen rumpelt, daß es wie Messerstiche durch den Buckel fährt. "Wer bis du??"

 

Panische Angst. Muskeln verkrampfen. Atem stockt.

 

"Was suchst du hier?"

 

Sie sind allein auf dem Kiesweg. Aber die Einsamkeit und den Festmacher fürchtet der Maler jetzt nicht einmal so sehr wie die Möglichkeit, daß Passanten die Szene beobachten könnten, ihn sehen, ihn erkennen. Mit hochgezogenen Schultern und ängstlich lauernden Augen sieht er sich um. Geduckt schielt er hoch zum Riesen. Hastig, beschwörend stößt er hervor: "Reg dich bitte nicht auf. Ich wollte nur mal sehen." Diese ersten Worte, die der Maler im nächtlichen Park spricht, klingen wie Krächzen.

 

"Wasss!?"

 

"... Was hier los ist."

 

"Nur mal sehn, was hier los is, was? Neue komm'n hier nich rein. Das is unser Revier!" Der Festmacher mißt den Eindringling mit bohrendem Blick. "Is das klar, Mister?"

 

"Ja", gurgelt der Maler. Er zittert.

 

"Kommst einfach mal so hierher, was? Willst nur mal sehn, was hier los is, was? Und denkst, das geht so einfach. Du hast doch 'n Wurm im Keks! Nich mit mir, Mister, nich mit uns! Wenn der Fiedler aus'm Waldschloß dich erwischt, der haut dir sein'n Fiedelkastn auf die Rübe, daß dir die Augn auf'e Mandeln klatschn. Und der Schmied! Wir alle drei, wir dreschn dich so klein, da paßt du mit deiner gottsverdammtn Fiedel zusamm'n in dein'n Geigenkastn."

 

"Ich", versucht der Maler abermals, den Festmacher zu besänftigen, "ich will niemandem ein Leid zufügen." "Niemandem ein Leid zufügen", echot der Festmacher voller Hohn. "Wo komms du denn her? Hat dich deine Mutti heut mal rausgelass'n? Mann, Mann, Mann!" Er zieht die Mundwinkel scharf nach unten und schüttelt fassungslos den Kopf. "Wenn ich sowas bloß hör!"

 

"Ich meine", stammelt der Maler verstört, "ich komm nicht wieder, wenn du das nicht willst. Nie!"

 

"Das hört sich schon besser an."

 

Mit beiden Händen gibt der Riese dem Zwerg einen Schubs. "Los, leg ab! Schieß in' Wind! Und kreuz hier nie wieder auf!"

 

Der Maler taumelt und stolpert rückwärts. Schluckt. Holt Luft, mit hüpfendem Zwerchfell. Schwankend macht er kehrt. Er schüttelt sich und zittert zugleich. 'Was muß ich hier an Demütigungen ertragen!' schreit es in ihm. 'Wie weit ist es mit mir gekommen!' Ekel würgt die Kehle. Empörung pulst auf - Empörung über sich und über den Barbaren.

 

Geschlagen schleicht der Zwerg davon. Um möglichst rasch aus dem Blickfeld des Riesen zu entkommen, beugt er den Kopf, läßt die Schultern hängen, macht sich so klein wie möglich.

 

Wie ein geprügelter Hund verläßt ein großer Geist eine unwürdige Szene.

 

Der Festmacher sieht ihm nach. Spuckt. Dann formt der fast lippenlose Mund ein O. Bedächtig wischen Daumen und Zeigefinger über die Mundwinkel. Schließlich zerrt die Faust die Mütze in die Stirn. 'Der hat sich überhaupt nich gewehrt', wundert er sich.

 

Der Festmacher sieht dem abgeschmetterten Konkurrenten hinterdrein, bis der hinter den Büschen der Wegbiegung entschwindet. Er schürzt den Mund. Rülpst. "So'n irrer Rudi", sagt er. Und er denkt: 'aber verdammt schnell hat der kapiert, wo's langgeht hier. Der kommt nich wieder!' Er macht ein paar Schritte. "So'n Arsch", sagt er nun laut, "kommt einfach mal so hierher. Und denkt, das geht so einfach!" Noch immer blickt er in die Richtung, in der der Maler abgezogen ist. Aber wie ist der abgezogen! Gebückt, total zerknirscht.

 

Der Festmacher zuckt mit den Schultern. Dann sagt er: "Armer Sack!" Wieder schüttelt er den Kopf. Greift nach dem Schirm der Mütze. Allmählich wandelt sich Wut in Mitgefühl. 'Ganz schüchtern der Kleine. Ganz bescheidn. Nich so'n Angeber wie der Fiedler aus'm Waldschloß.' Er nickt. 'Paßt besser zu uns. Besser als dieser eingebildete Affe da.' Aus den Augenwinkeln schielt er in die Richtung des Parkrestaurants und deutet nach dort mit dem Kopf.

 

'Dieser krumme Paganini da!'

 

Im Grunde seines Herzens ist der Festmacher gutmütig. Und er weiß: es ist nicht einfach für einen Neuen, ein Revier zu finden. Ganz und gar nicht einfach ist das.

 

Plötzlich tut ihm der kleine Kerl leid. Er hebt die Brauen ganz hoch, spitzt die dünnen Lippen, wiegt den Kopf. Dann beginnt er, dem anderen nachzugehen. Zögernd zuerst und langsam, dann immer entschlossener, immer schneller. Als der Maler die Schritte hinter sich hört, das immer schneller, immer energischer werdende Knirschen im Kies des Weges, da schütteln ihn, zum dritten Mal in dieser Nacht, Angst und Schrecken. Wieder kriecht Gänsehaut über den Buckel.

 

Es ist schwer für den sensiblen Maler, die in ihm wiedererwachten machtvollen Energien zu bändigen. Die Kontrolle der Kräfte, die sein Fühlen und Wirken hervorbringen, war schon immer ein Problem für ihn. Schon ein Gedankensplitter, ein Gefühlsblitz, ein Zucken in der Tektonik seiner komplizierten Individualität können jede mühsam gefundene Balance augenblicklich zusammenbrechen lassen und einen Szenenwechsel herbeischleudern in der zerklüfteten, immer unter Dampf stehenden Eruptionslandschaft seiner Seele.

 

Wieder packt die Faust den Zwerg, dreht ihn herum. Aber die Augen neben der großen Nase strahlen jetzt Gönnerlaune aus. "He, Mister, nich so schnell!" Der Festmacher sagt das so sanft, wie ihm das möglich ist. "Ich hab mir das überlegt. Auch 'n Neuer muß ja wo bleibn." Er rückt die Mütze zurecht. "Der Fiedler aus'm Waldschloß, der kann nur auf Tour, wenn Vertretung da is. Der is schon lange nich gekomm'n." Er räuspert sich. "Ich glaub, der fiedelt jetz woanders." Ärgerlich schüttelt er den Kopf: "Der denkt, er is 'n Großer. Ehrlich, der is eingebildet. Nich so bescheidn wie du." Wieder schüttelt er den Kopf. "Der denkt, er is Paganini!" Und nun kann der Festmacher auch schon wieder scherzen: "Dabei fiedelt der wie 'ne Schildkröte mit 'n kaputtn Arm!" Er rülpst. "Ich sag dir, das is'n lahmer Hund. Zu wenig Musik im Blut. Kein'n Pfeffer im Arsch. Aber eingebildet!"

 

Der Festmacher sieht sich jetzt den neuen Fiedler erst einmal in Ruhe an. "So'n Kleiner is das, der Fiedler aus'm Waldschloß. Wie du. Und lange schwarze Haare hat der. Wie du." Er grinst. "Und genau so 'ne komische Figur." Schließlich sagt er: "Ich komm so fünf, sechsmal die Woche. Wie oft kommst du?"

 

Der Maler zögert. Zögert lange.

 

"Na? Wie oft?"

 

"... Einmal die Woche ... mittwochs."

 

"Das geht in Ordnung." Der Festmacher zieht die Brauen hoch, spitzt den Mund, wiegt den Kopf. Nickt. "Ja, das geht in Ordnung. Der Schmied, der kommt so vier, fünfmal die Woche. Das kann das Revier verputzn. Der Park is groß." Langsam sagt er und nickt dabei mehrmals: "Der Schmied, das is 'n Guter." Ein Lächeln macht die herben Züge überraschend weich und läßt Wärme aufleuchten in den harten Augen. "Der hat viel Schlimmes erlebt. Auf den muß ich aufpassn. - Alles klar?" Der Festmacher wendet sich seinem neuen Kumpel zu, sieht ihm in die Augen, mit einem Ausdruck voll verpflichtendem Ernst und einem sonderbar stechenden Blick.

 

"Ja", sagt der Maler.

 

Mit der strengen Würde aufrechter Einfachheit läßt der Riese seine mächtige, halbgeöffnete Faust schwer auf die schmale, zusammenzuckende Schulter des buckligen Zwerges fallen. Er durchbohrt ihn mit brennendem Blick. "Aber kein'n Scheiß! Handtaschn klaun, wenn die da bumsn, das is nich drin. Und auch sonst keine Kinken! Dies is 'n sauberes Revier. Und das soll's auch bleibn! Verbrecher will ich hier nich habn. Da bin ich glashart! Is das klar?"

 

"Ja."

 

"Da versteh ich überhaupt kein'n Spaß!" Der Festmacher mißt den neuen Fiedler mit blitzenden Augen, voll dunkler Durchdringungskraft. "Und denn will ich hier kein'n Neu'n, der von Tutn und Blasn keine Ahnung hat. Wenn du Mittwoch kommst, denn zeig ich dir ersmal mein Revier." Er nießt. "Denn erklär ich dir ersmal, was hier anliegt. Und wie man das macht." Wieder nießt er. "Da gibts 'ne Menge zu lern'n!" Mit schlotternden Schleimhäuten zieht er geräuschvoll Rotz und Speichel hoch und spuckt splatschend knapp am Maler vorbei. "Also, bis Mittwoch." Mit dem Zeigefinger tippt er an den Mützenschirm und wendet sich zum Gehen.

 

Aber dann dreht er sich doch noch einmal um: "Und laß deine gottsverdammte Fiedel in dein'm Klub!"

 

"Ja", sagt der Maler, "... Bis Mittwoch."

 

Tief bewegt strebt der kleine Bucklige seiner großen weißen Villa entgegen. Das Bild des Engels! Wieder ist es ihm erschienen. Dieses verdammte Bild! Es hat seine Kreativität zerstört, ihn ganz plötzlich stürzen lassen in einen Abgrund innerer Erstarrung. Aber heute nacht haben ihn der dunkle Park und ein lebendes Ebenbild des Engels wieder in die Welt der Gefühle zurückgeschleudert. Der Maler hat den Schlüssel gefunden zum Tor der dunklen Höhle, in die seine Schaffenskraft so plötzlich entschwunden war. Der Sinnestaumel in dieser fremden Welt, die Möglichkeit geschlechtlicher Befriedigung auf eine neue Art, das wird ihm helfen, die größte Krise in seinem Leben zu überwinden, das wird ihn zurückführen in pulsierendes Schaffen. Das Wiedererwachen seiner kalt und leer gewordenen Gefühlswelt ist ein überwältigendes Erlebnis. Er kann das noch gar nicht fassen ... und er kann es kaum erwarten, die Kräfte, die diesen Sinnestaumel ausgelöst haben, erneut zu beschwören.

 

Der untersetzte kleine Maler ist ein großer, weltweit gefeierter Künstler. Noch vor kurzem hatten seine Bilder in Paris eine Sensation ausgelöst. Man feierte ihn als ein Geschenk des Himmels, als ein Jahrhundertgenie. Doch dann, unbemerkt von seiner Umwelt, erlosch der Vulkan seiner Kreativität. Stumpfheit überfiel ihn und Leere. Er war gescheitert. Ganz plötzlich. Die unmittelbare Ursache des Scheiterns war das Bild eines Engels. Nicht ein Bild im gegenständlichen Sinne, sondern ein Bild, das aufgestiegen war aus den Tiefen seines Leibes. In all seiner unschuldigen, unwiderstehlichen Schönheit und in all seiner erschreckenden, rätselhaft drohenden Unheimlichkeit hatte sich das Bild auf die Bühne seines Bewußtseins gedrängt. Und es wollte nicht wieder weichen, nicht aus seinem Bewußtsein, nicht aus seinem Herzen, nicht aus seiner Seele. Ja, es wollte nicht einmal verblassen. Das Bild begann, ihn zu beherrschen. Es trieb ihn vor sich her, wie der Wind einen Ballon treibt, willenlos in jede Richtung, sanft mitunter und mit orkanhafter Gewalt ein andermal. Unter Qualen begriff er: 'Ich muß ihn malen, diesen schönen, unheimlichen Engel. Nur so kann ich ihn mir gefügig machen, nur so aus dem Beherrschten zum Beherrscher werden. Ich muß ihn in die Strukturen meiner Maltechnik zwingen!' Durch sein Schaffen hindurchleuchtend, soll der Engel dann, gebändigt und neu geformt, als sein Meisterwerk die Welt bewegen: ein machtvoller Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Er muß diesen Engel zu einem Teil seines Könnens machen!

 

Doch jedesmal, wenn er sich in der richtigen Stimmung wähnte, wenn er sich eingeschlossen hatte in seinem großen Atelier, wenn alles in ihm danach schrie, das Meisterwerk in Angriff zu nehmen, verblaßte das Bild, und sein Genius verließ ihn. Er wußte einfach nicht, wie er beginnen sollte, wie er das Bild, das so sehr in ihm brannte, auf die Leinwand zaubern könnte.

 

Und so überfielen ihn Zweifel: an seinen künstlerischen Möglichkeiten, seinem schöpferischen Elan, seinem Genie. Während die Welt ihm zu Füßen lag, ihn vergötterte als strahlende Lichtfigur am Kunsthimmel, war es in ihm dunkel geworden. Er versank in der Leere seines Unvermögens. Schlafstörungen setzten ein und Kreislaufbeschwerden. Frustrationen folgten und Depressionen. Er war ausgebrannt.

 

Abgrundtief verzweifelt beschloß er, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Doch auch hier versagten seine Kräfte. Er vermochte es nicht.

 

In seiner großen Not widmete sich der Maler tagelang ganz seiner Violine, ein kostbares Instrument, das er vor zwei Jahren in einem Vorort von Rom hatte erwerben können. So rettete ihn die Musik vor dem Tod, vor dem Ertrinken im kalten Wasser seiner Hoffnungslosigkeit.

 

Auch heute abend hatte der Maler musiziert, Mozart und Schubert. Er gehört einem Streichquartett an, das sich an jedem Mittwochabend in der Nähe des Parks der Kammermusik erfreut. Kurz nachdem er vor drei Monaten in diese Stadt gezogen war, hatte er eine Einladung erhalten, in einem neuen Quartett mitzuwirken. Die anderen drei sind Berufsmusiker - Mitglieder des Städtischen Orchesters. Er ist der einzige Laie. So hatten ihn die drei gebeten, vorzuspielen. Wenige Takte genügten. Die drei waren begeistert. Und schon war er der Erste Geiger.

 

Bisher war er immer mit seinem Wagen zum Musikabend gefahren. Heute hatte er sich entschlossen, zu Fuß zu gehen - in der Hoffnung, daß ihn ein Spaziergang ablenken möge von seinen Sorgen und Problemen. Bis zu seiner großen weißen Villa ist es nur eine knappe halbe Stunde zu Fuß.

 

Sein Heimweg führt am Park vorbei. In diesem Umstand, diesem Zufall, lauert sein Schicksal.

 

Wie ein Planet einen stürzenden Kometen, so hatte der dunkle Park den Maler angezogen, mit unerbittlicher Gewalt. In dem Maße, in dem er sich den finsteren Büschen und Bäumen näherte, verstärkte sich die Anziehungskraft. Unaufhaltsam erfaßte sie jedes Gewebe seines Körpers. Er spürte, daß ihn etwas unwiderstehlich in seinen Bann zwang. Ein merkwürdiges Ziehen und Zittern durchzog die Eingeweide.

 

Die Ausstrahlung des nächtlichen Parks drängelte Niedergeschlagenheit beiseite und zwang den Maler, ganz gegen seinen Willen, immer weiter in das finstere Gewirr von Blättern und Ästen, immer weiter in geheimnisvolles Dunkel. Bebende Sinne verwoben den Nachhall des Musikerlebnisses mit den merkwürdigen Geräuschen des finsteren Parks, mit fremden Gerüchen und Bildern. Eine neue, eine faszinierende Erlebnisqualität! Dieses wispernde Flüstern der Blätter. Diese verwehenden Lautfetzen. Diese umhergeisternden Silhouetten und huschenden Schatten. Und über all dem dieses schwere, betörende Parfüm blühender Nachtgewächse!

 

Ein Sinnesorkan wirbelte sein Innerstes durcheinander, jagte Kribbelschauer bis in TeerschwarzVerborgenstes. Aus der Tiefe dunkler Höhlen krochen animalische Gelüste hervor. Laue Abendluft umschmeichelte die Haut wie Seide. Angestachelte Neugier, pulsierende Erwartung - und auch immer wieder Angst, bis tief in seine Eingeweide.

 

Jäger, die töten

 

Der Himmel erwacht. Wird grau, dann silbern. Verbannt Finsternis. Gebiert rotgoldenes Licht und gießt es über den Park. Ein neuer Tag beginnt.

 

Eine andere Welt! Andere Gerüche, andere Geräusche, andere Menschen. Selbst die Bänke sehen anders aus. Sonnenstrahlen durchfluten Büsche und Bäume, überfluten Wiese und Wege, verwöhnen alles überschwenglich mit Licht, spenden Wärme und Wohlbehagen. Blumen, Büsche und Bäume saugen und pumpen Säfte. Blätter und Knospen bauen und formen neues Leben. Fröhlich prahlen Frühlingsblumen mit ihren bunten Farben.

 

Die nächtlichen Darsteller, die Ursachen und Umstände ihres Treibens, wo sind sie? Es ist, als habe ein Bühnenmeister die Kulissen der Nacht, alle Gegenstände und Emotionen - den ganzen gesammelten Spuk - in den Bühnenhimmel hochgezogen.

 

Der Park ist groß. So groß, daß die Hast und Hetze der nahen Großstadt mit ihrem Summen, Brummen, Krachen und Quietschen, ihrem Qualm, Staub und Gestank nur seine Peripherie zu erreichen vermag, nicht aber sein Kernareal - und schon gar nicht die Wildnis und den See. Im Park kann man der Natur ganz nah sein, die Schöpfung tief in sich hineinwirken lassen und mit offenen Sinnen ihrer Eigenarten gewahr werden. Hier kann man ungestört nachdenken über sich und die Welt. Wie nirgendwo sonst kann man sich im Park seinen Träumen und Vorstellungen hingeben und nach dem Wesen und Sinn allen Seins suchen.